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Wissenstransfer

 

Wiederkäuer als Schlüssel für eine lebendige Kulturlandschaft – Ein Blick auf die Offenhaltungsversuche aus Baden-Württemberg

 

Offene Grünlandlandschaften gehören in vielen Regionen Süddeutschlands zum prägenden Landschaftsbild. Sie sind jedoch kein statischer Zustand, sondern das Ergebnis kontinuierlicher Nutzung und Pflege. Als in den späten 1960er Jahren in Baden-Württemberg vielerorts Grünland brachfiel, wurde sichtbar, wie schnell sich ohne Bewirtschaftung Gehölze ausbreiten und Offenlandstrukturen verloren gehen. Damit verbunden waren Befürchtungen einer Verwaldung ganzer Landstriche in Mittelgebirgslagen, eines Zuwachsens von Tälern in ohnehin stark bewaldeten Regionen wie dem Schwarzwald sowie eines Rückgangs von Erholungsräumen und artenreichen Wiesen und Weiden.

Vor diesem Hintergrund wurden ab 1975 landesweit Versuche zur Offenhaltung der Kulturlandschaft angelegt. Diese Langzeitversuche untersuchen über Jahrzehnte hinweg, wie unterschiedliche Maßnahmen wie Mulchen, Mähen, kontrolliertes Brennen, Sukzession und Beweidung die Vegetation, die Struktur der Flächen und die Entwicklung von Gehölzen beeinflussen. Aus den Ergebnissen wurden praxisnahe, standortgerechte Methoden abgeleitet, die bis heute eine wichtige Grundlage für Empfehlungen zur Grünlandbewirtschaftung und Landschaftspflege darstellen. Beweidung ist dabei mehr als eine Alternative zu mechanischer Pflege. Wiederkäuer, insbesondere Rinder, wirken als Landschaftsgestalter, weil ihre Nutzung eine Kombination aus Fraß, Tritt und Nährstoffrückführung in die Fläche bringt und dadurch Strukturen schafft, die für viele Offenlandarten und Pflanzengesellschaften typisch sind. Die Langzeitversuche beschreiben, dass alte Weidegesellschaften wie Flügelginsterweiden durch extensive Rinderweide erhalten werden können und dass gerade diese Weiden historisch auch durch Rinder mitgeprägt wurden. Ein weiterer Vorteil der Rinderbeweidung liegt in der Art der Futteraufnahme. Im Vergleich zu Schafen und Ziegen ist der Biss häufig schonender, weil Rinder den Aufwuchs mit der Zunge erfassen und abreißen. In den Versuchen wird dies als Wirkung beschrieben, die einer Mahd mit einer Schnitthöhe von etwa sechs bis acht Zentimetern ähnelt, bei der ein längerer Stoppelrest stehen bleibt. Das kann dazu beitragen, Grünlandbestände zu erhalten und die Offenlandnutzung auf weniger intensiven Standorten zu ermöglichen. Gleichzeitig zeigen die Versuche auch Grenzen und Anforderungen. Bei nassem Boden kann es je nach Tiergewicht und Rasse zu Narbenschäden kommen. Zudem sind Rinder im Gegensatz zu Ziegen oder Schafen nicht in der Lage, Gehölzaufwuchs grundsätzlich zu verhindern. Langfristig können sich Strauch- und Baumgruppen entwickeln, wodurch triftartige Weideflächen entstehen, die wiederkehrend eine aktive Gehölzbeseitigung erfordern, wenn das Ziel eine offene Landschaft bleibt. Für das Projekt KlimaTier ist diese differenzierte Sicht besonders relevant. Eine zukunftsfähige Tierhaltung wird nicht allein an Einzelwirkungen gemessen, sondern an ihrer Einbettung in standortangepasste, ressourcenschonende Betriebssysteme. Wiederkäuer können auf Grenzertragsflächen eine Form der Nutzung ermöglichen, die Offenland erhält, Landschaftsbild und Erholungsfunktion sichert und zugleich das Risiko reduziert, dass Pflegekosten ausschließlich durch öffentliche Mittel getragen werden müssen. Die Offenhaltungsversuche betonen die Bedeutung klarer Ziele und eines kleinräumigen Musters extensiver Nutzungen und Pflegemaßnahmen, um Strukturvielfalt zu fördern und damit die Voraussetzungen für Biotop- und Artenschutz zu verbessern.

Damit wird sichtbar, welchen Wert Kühe und andere Wiederkäuer für die Kulturlandschaft haben, wenn Haltung und Management zum Standort passen. Extensiv geführte Weidesysteme können Offenlandstrukturen stabilisieren, wertvolle Pflanzengesellschaften erhalten und in Kombination mit gezielten ergänzenden Maßnahmen langfristig wirksam sein. In diesem Sinne sind Wiederkäuer nicht nur Teil landwirtschaftlicher Produktion, sondern ein wesentlicher Baustein für die Pflege und Entwicklung vielfältiger Kulturlandschaften, wie sie für resiliente, klimaangepasste Landnutzungssysteme von zentraler Bedeutung sind.

 

Mehr Informationen zu dem Versuch finden Sie hier: https://lel.landwirtschaft-bw.de/,Lde/Startseite/Unsere+Themen/Erlaeuterung+Offenhaltungsversuche

 

Kuh und Klima – warum Wiederkäuer Teil der Lösung sein können

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Das neue FiBL-Faktenblatt „Kuh und Klima: Beiträge der graslandbasierten Biolandwirtschaft zu einer nachhaltigeren Milch- und Fleischproduktion“, erstellt gemeinsam mit Bio Suisse, zeigt: Zwischen Kühen und Klimaschutz besteht kein grundsätzlicher Widerspruch – im Gegenteil, richtig in Szene gesetzt haben Wiederkäuer großes Potenzial für eine nachhaltige Landwirtschaft. Ausgangspunkt ist das Grasland, das in der Schweiz rund 70 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausmacht und zugleich Ernährung, Ökosystemleistungen und Klimaschutz unterstützt.

Wiederkäuer wie Kühe können Gras in Milch und Fleisch umwandeln und damit große Dauergrünlandflächen für die Lebensmittelproduktion erschließen, ohne zusätzlich Ackerflächen für Futter zu beanspruchen. Auswertungen im FiBL-Faktenblatt zeigen, dass graslandbasierte Rinderhaltung deutlich weniger für die menschliche Ernährung geeignete Ackerfuttermittel benötigt als die Schweine- oder Geflügelhaltung; in ökologischen Systemen (Bio Suisse) mit strengen Vorgaben zum Kraftfuttereinsatz liegt dieser Anteil bei unter 0,5 kg pflanzlichem Protein pro kg erzeugtem Milch- und Fleischprotein. Europaweit gesehen liegt der Wer bei Graslandbasierter Wiederkäuerhaltung bei 0,9 kg. Dadurch wird die Konkurrenz um knappe Ackerflächen zwischen Tierfutterproduktion und direkter menschlicher Ernährung verringert.

Das Faktenblatt ordnet auch die Klimawirkung von Methan ein. Pro Kuh fallen im Jahr zwar relevante Mengen Methan an, doch als kurzlebiges Treibhausgas wirkt es anders als COâ‚‚: sehr stark, aber zeitlich begrenzt. Bewertungsansätze wie GWP20, GWP100 und das dynamische GWP* helfen, diese Unterschiede sichtbar zu machen. Gleichzeitig betonen FiBL und Bio Suisse, dass es nicht darum geht, Rinderhaltung pauschal abzuschaffen, sondern sie so zu gestalten, dass sie in ein klima- und ressourcenschonendes Gesamtsystem passt. Etwa über standortangepasste, graslandbasierte Fütterung, robuste Zweinutzungsrassen und längere Nutzungsdauer der Kühe, womit sich die Emissionen der Gesamtpopulation um rund zehn Prozent senken ließen.

Für KlimaTier sind diese Ergebnisse besonders spannend: Sie bestätigen, dass Rinderhaltung dort sinnvoll ist, wo sie Dauergrünland erhält, Biodiversität fördert, regionale Kreisläufe stärkt und ohne hohe Kraftfutterimporte auskommt. Genau hier setzt unser Projekt an, wir untersuchen, wie milchbetonte Gemischtbetriebe mit weidebasierten, klimaangepassten Fütterungsstrategien, guter Tiergesundheit und weitestgehend geschlossenen Nährstoffkreisläufen ihren Klima-Fußabdruck reduzieren können. Somit wollen wir zeigen, wie Kühe vom „Klimaproblem“ zum Teil der Lösung werden.

​Wer tiefer einsteigen möchte, findet im FiBL-Podcast „Kuh und Klima – Kritik, Fakten und Potenzial“ und im FiBL-Faktenblatt „Kuh und Klima“ fundierte Einordnungen zur Klimawirkung von Methan, zur Nutzung von Grasland und zu den Gestaltungsmöglichkeiten einer klima- und tiergerechten Rinderhaltung.

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